Vom Feuermelder zum Spionage-Nest: Prags Nikolausturm auf der Kleinseite erzählt seine Geschichte
Ein barocker Glockenturm, ein historischer Feuerwachdienst und die geheime Beobachtung westlicher Botschaften im Kommunismus: Die neue Ausstellung auf der Prager Kleinseite zeigt, wie unterschiedlich ein einziger Ort genutzt wurde.
Wer den Glockenturm neben der St.-Nikolaus-Kirche auf der Kleinseite erklimmt, entdeckt seit dem 6. Oktober 2026 eine neu gestaltete Ausstellung. Unter dem Titel Strážce bezpečí – „Wächter der Sicherheit“ erzählt sie die ungewöhnliche Geschichte des Turms, der über Jahrhunderte Gefahren meldete und später selbst zum Ort geheimer Überwachung wurde.
Erst Feuerwache, dann Staatssicherheit
Der ab 1739 errichtete und 1755 fertiggestellte Turm war nicht nur ein markanter Teil des Prager Stadtbilds. Als städtischer Meldeturm diente er der Feuerüberwachung: Der Turmwächter hielt Ausschau nach Bränden und anderen Gefahren. Die mehr als 300 Kilogramm schwere Nikolausglocke rief seit dem 16. Jahrhundert die Bewohner zum Gottesdienst und warnte sie vor Katastrophen.
Im kommunistischen Regime bekam der Turm eine ganz andere Aufgabe. In seiner Spitze richtete die tschechoslowakische Staatssicherheit StB einen Beobachtungsposten ein, von dem aus insbesondere die nahe gelegenen westlichen Botschaften überwacht wurden. Der Posten trug den Decknamen „Kajka“. Teile der damaligen Einrichtung sind bis heute erhalten.
Geschichte zum Hören
Die neue Ausstellung zeigt neben dem Beobachtungsposten auch die frühere Wohnung des Turmwächters, eine historische schwarze Küche und einen ungewöhnlichen Raum mit alten Tapetenschichten. Ein neuer Audioguide auf Tschechisch und Englisch ergänzt die Informationstafeln. Besucher können außerdem den Klang der historischen Nikolausglocke anhören. Der Turm verbindet damit zwei sehr unterschiedliche Kapitel Prager Geschichte: die Sorge um die Sicherheit der Stadt und die Überwachung ihrer Bewohner und ausländischen Gäste. Wer die 215 Stufen bis zur Aussichtsgalerie erklimmt, bekommt nicht nur einen Blick über die Kleinseite, sondern auch einen Einblick in eine Vergangenheit, die hinter barocken Fassaden leicht verborgen bleibt.
Praktisch: Städtischer Glockenturm des Hl. Nikolaus, Malostranské náměstí 29. Im Oktober täglich von 10 bis 18 Uhr geöffnet. Der Turm ist nicht barrierefrei.
Quelle: Prague City Tourism: Ausstellung „Strážce bezpečí“
Quelle Foto: A. Savin / Wikimedia Commons, Free Art License (FAL)

