Kafkas Durchbruch als Schriftsteller

Biografie der Jahre 1911 - 1913

1911

Der jüngste Bruder des Vaters stirbt. 

Januar: Schreibt kurze Fragmente zu "Beschreibung eines Kampfes".

19. Januar: Berichtet im Tagebuch, dass er im letzten Jahr "nicht mehr als 5 Minuten lang aufgewacht" sei. Beschreibt ein Kindheitserlebnis als er einen Roman plante, "in dem zwei Brüder gegeneinander kämpften, von denen einer nach Amerika fuhr, während der andere in einem europäischen Gefängnis blieb." Bei einem Familientreffen damals nimmt ihm ein Onkel das gerade Geschriebene aus der Hand, liest es und verkündet den anderen, dass es sich um das "gewöhnliche Zeug" handelt. Der Junge, so konstatiert Kafka diese Kindheitssituation, nahm das Urteil des Onkels als eine Vertreibung aus der Gesellschaft wahr, das ihm selbst im Familienverbund "einen Einblick in den kalten Raum unserer Welt" gewährte.

Februar: Schreibt die Erzählung "Unglücklichsein".

21. Februar: Schreibt im Tagebuch das Fragment gebliebene "Die städtische Welt"

Zwischen 17. und 24. Februar: Sieht die "Weiße Sklavin" im Kino, einen der ersten längeren Stummfilme (45 Minuten) aus Dänemark. Kann übrigens auf Wikipedia angesehen werden: 
Die weiße Sklavin - Beschreibung und Film

9. März: Spiritistische Sitzung bei Berta Fanta mit Tochter Else als Medium. Siehe auch:
Der Salon der Berta Fanta

15. März: Kafka bei einer Lesung von Karl Kraus im Hotel Central.

März: Liest Schriften Rudolf Steiners, die er sich von Frau Fanta ausleiht. Findet "Höhere Welten" "sehr anregend". Besucht auch eine Vortragsreihe Steiners über "Okkulte Physiologie". Bei einem geselligen Abend wird Steiner Kafka vorgestellt. Am 29. März sucht Kafka Steiner in seiner Sprechstunde auf und berichtet von ähnlichen Erlebnissen beim Schreiben, wie sie Steiner als hellseherische Zustände beschreibt. Kafka sendet Steiner sogar Auszüge seiner Arbeit.

24. Mai: Gemeinsam mit Brod und Weltsch besucht Kafka einen Vortrag Einsteins zur Relativitätstheorie an der Prager Universität.

Frühjahr/Sommer: Brod berichtet in seinem Tagebuch öfters von Kafkas Verstimmungen und Depressionen. Schwankt dabei zwischen Ärger, Unverständnis und Sorge.

25. August: Der Vater hat Geschäftssorgen, die ihm auf den Magen schlagen. Julie Kafka muss den Vermieter um einen Aufschub der Mietzahlung bitten.

26. August - 20. September: Längere Urlaubsreise mit Max Brod in die Schweiz, nach Italien und Paris. Während ihres Aufenthalts in der Schweiz erfahren sie kurz vor ihrer Weiterfahrt, dass in ihrem nächsten Urlaubsziel Mailand die Cholera ausgebrochen ist. Auf Drängen Kafkas fahren sie dennoch hin, doch die fortwährende Panik Brods führte zu dem Entschluss spontan nach Paris weiter zu fahren. Kafka fährt danach noch allein auf ein paar Tage in das Naturheilsanatorium Erlenbach.

24. September - 4. November: Aufführungen einer ostjüdischen Theatergruppe aus Lemberg in Prag unter der Leitung von Jizchak Löwy. Erst gastiert man im Hotel Central, siedelt aber aufgrund mangelnden Zuschauerzuspruchs in das Cafe Savoy über. 

26. September: Kafka lernt den Zeichner und Schrftsteller Alfred Kubin kennen. Beschreibung Kubins im Tagebuch.

29. September: Max Brod macht Kafka mit Kurt Tucholsky bekannt.

4. Oktober: Besucht erstmals eine Vorstellung der ostjüdischen Theatergruppe aus Lemberg. In den folgenden Wochen erfolgt eine intensive Auseinandersetzung mit den Schauspielern und aufgeführten Stücken. Freundet sich in dabei auch mit Jizchak Löwy an. Siehe auch:
Jizchak Löwy und das jiddische Theater

13. Oktober: Spaziergang mit dem Anwalt Dr. Robert Kafka, der die Gründung des geplanten Familienunternehmens, die Prager Asbestwerke, durchführen soll.

14. Oktober: Schwere Turbulenzen im Geschäft des Vaters. Nach der Kündigung des Geschäftsführers Roubitschek, der ein eigenes Geschäft eröffnet, kündigen auch alle anderen Angestellten um ihm zu folgen. Hermann Kafka kann einige Angestellte zum Bleiben überreden, auch sein Sohn Franz fährt eigens nach Zizkov um zwei Angestellte zu bitten die Kündigung zurückzunehmen.

19. Oktober: Die beiden zukünftigen Geschäftsführer der geplanten Asbestwerke, Kafka und sein Schwager Karl Hermann treffen sich mit Anwalt Dr. Robert Kafka. Wenige Tage darauf beantragt Kafka bei der Polizeidirektion Prag eine Erlaubnis für die Teilhaberschaft an einem Unternehmen.

31. Oktober: Arthur Schnitzler liest vor 500 Zuschauern im Deutschen Haus. Danach kommt es zu einem Gespräch zwischen Schnitzler und Brod. Schnitzler beschreibt Brod später in einem Brief an seine Frau Olga als besonders häßlich, unecht und ehrgeizverzehrt.

3. November: Hermann Kafka, dem die Freundschaft seines Sohnes zu Jizchak Löwy mißfällt, urteilt über den Schauspieler: "Wer sich mit Hunden zu Bett legt, steht mit Wanzen auf".

8. November: Besprechung der Vertragsunterlagen zur Gründung der Asbestwerke mit Schwager Karl Hermann und Dr. Robert Kafka.

14. November: Schreibt im Tagebuch "Das Unglück der Junggesellen".

16. November und folgende Wochen: Die Lemberger Theatertruppe kehrt zurück nach Prag und tritt wieder im Cafe Savoy auf. Kafka ist in der Folgezeit wieder öfters unter den Zuschauern. Jizchak Löwy gesteht ihm, dass er das Interesse an der Schauspieltruppe verliert.

8. Dezember: Schwester Elli bringt ihren Sohn Felix zur Welt.

16. Dezember: Gründung der Firma "Prager Asbestwerke Hermann & Co." als offene Handelsgesellschaft mit den zeichnungsberechtigten Gesellschaftern Karl Hermann und Franz Kafka. Zwei Tage zuvor kam es deswegen schon zu einer ersten Auseinandersetzung mit seinem Vater, da Kafka seine Arbeit in der AUVA (= Arbeiter-Unfall-Versicherungsanstalt, Kafkas Arbeitgeber) als Grund angibt sich nicht weiter um den Betrieb kümmern zu können.

Ende Dezember: Kafka unglücklich darüber, dass er sich zu einem regelmäßigen Erscheinen am Nachmittag in den Asbest-Werken hat überreden lassen. Hält seine Anwesenheit dort für überflüssig.

1912

Kafka schreibt ca. 200 Seiten einer nicht mehr erhaltenen Fassung des Romans "Der Verschollene".

Januar: Besucht wieder öfters Aufführungen der Lemberger Theatergruppe im Cafe Savoy. 

1. Januar: Offizieller Start  der "Prager Asbestwerke Hermann & Co.". Muß in der Folgezeit häufig am Nachmittag in die Fabrik. Am 12. Januar erfolgt noch eine Eintragung des Unternehmens ins Handelsregister.

18. Februar: Rezitationsabend von Jizchak Löwy im Festsaal des Jüdischen Rathauses. Kafka hält die Einführung in den Abend mit dem Titel "Einleitungsvortrag über Jargon". 

6. März: Die Familie macht Kafka Vorwürfe sich zu wenig um die Farbrik zu kümmern. Kafka am 8. März dazu im Tagebuch: "Vorgestern Vorwürfe wegen der Fabrik bekommen. Eine Stunde dann auf dem Kanapee über Aus-dem-Fenster-springen nachgedacht."

6. April: Kafka trifft Willy Haas, der sich sehr lobend über das erste Kapitel des gemeinsam mit Brod geplanten, aber inzwischen aber wieder aufgegebenen Buchprojekts "Richard und Samuel" äußert. Ende Mai wird das Kapitel in den Herderblättern publiziert.

9. Mai: Beschreibt im Tagebuch wie ihm das Schreiben am Roman ("Der Verschollene") Halt gibt. Erwähnt im Tagebuch auch die erneute Schwangerschaft seiner Schwester Elli, die Finanzsorgen um die Asbest-Werke und den aufgeregten Vater. Vermutlich schreibt er kurz darauf einen Brief an den wohlhabenden Madrider Onkel Alfred Löwy, in dem er um eine finanzielle Beteiligung an dem Unternehmen bittet.

1. Juni: Kafka hört im Repräsentationshaus einen Vortrag des sozialdemokratischen Politikers František Soukup über "Amerika und seine Beamtenschaft".

11. Juni: Läßt sich wieder einmal vom Arzt ein Attest ausstellen, dass ihm krankhafte nervöse Zustände, Verdauungsschwierigkeiten und Schlaflosigkeit attestiert. Bekommt darauf zum dreiwöchigen Urlaub noch eine Zusatzwoche Krankenurlaub von der AUVA (= Arbeiter-Unfall-Versicherungsanstalt, Kafkas Arbeitgeber) genehmigt.

28. Juni - 28. Juli: Nachdem Max Brod und Kafka in Leipzig einen Zwischenaufenthalt einlegen, um beim Rowohlt-Verlag vorstellig zu werden (Kafka lernt bei der Gelegenheit den Verleger Kurt Wolff kennen), fährt man gemeinsam nach Weimar. Dort verliebt sich Kafka in die 16-jährige Margarete Kirchner, der Hausmeister-Tochter des Goethe-Hauses. Ab 8. Juli legt Kafka noch allein einen Kuraufenthalt in Jungborn in "Rudolf Just`s Kuranstalt" ein, wo er an dem Fragment gebliebenen "Der Verschollene" arbeitet.

13. Juli: Nach einem Austausch von oberflächlich geschriebenen Ansichtskarten, wo Kafka unglücklich darüber ist, wie wenig er Margarete Kirchner bedeute, stellt er in einem Brief an Max Brod die Frage: "Wenn es wahr wäre, dass man Mädchen mit der Schrift binden kann?"

13. August: Erste Begegnung mit Felice Bauer im Hause Max Brods. Ab September dann Beginn des intensiven Briefwechsels mit ihr. Siehe auch:
Felice Bauer

14. August: Kafka sendet das Manuskript "Betrachtung" an Kurt Wolff vom Rowohlt Verlag für das er am 4. September von Kurt Wolff eine Publikationszusage erihält.

September: Beginnt mit der Niederschrift von "Der Heizer" sowie der 2. Fassung von "Der Verschollene".

14. September: Vater Herrmann wird 60 Jahre alt.

22. / 23. September: In dieser Nacht schreibt er "Das Urteil". 

Oktober: Publikation von "Großer Lärm" in den "Herderblättern". Umzug des väterlichen Geschäfts in den rechten Seitenflügel des Kinsky-Palais.

7.-8. Oktober: Große Konflikte um die Asbest-Fabrik, bei der er sich auch von seiner Schwester Ottla verlassen fühlt: Gedanken an Selbstmord. Brod schaltet sich darauf hin ein und schreibt der Mutter, die danach hinter dem Rücken des Vaters für den Sohn einen Ersatz sucht, der regelmäßig in der Fabrik nach dem Rechten sieht.

17. November: Beginnt mit der Erzählung "Die Verwandlung", die er bis in den Dezember hinein schreibt. Möchte parallel an "Der Verschollene" weiter arbeiten.

4. Dezember: Kafka liest beim "Prager Autorenabend" im Hotel Erzherzog Stefan "Das Urteil" vor. Es bleibt die einzige Lesung in Prag. Berichtet darüber enthusiastisch an Felice Bauer.

Um den 10. Dezember: Veröffentlichung der "Betrachtung" im Rowohlt-Verlag in Leipzig in einer Erstauflage von 800 Exemplaren.

1913

12. Januar: Heirat von Schwester Valli Kafka und Josef Polka. Bei der Familienfeier hält Kafka die Begrüßungsrede.

23. Januar: Brod beklagt sich bei Kafka, dass sie sich entfremden.

24. Januar: Abbruch der Arbeit an "Der Verschollene". Hält in einem Brief im März an Felice Bauer das Werk mit Ausnahme des ersten Kapitels für wertlos.

27. Januar: Positive Besprechung Kurt Tucholskys von Kafkas "Betrachtung" im Prager Tagblatt: "Es gibt nur noch einen, der diese singende Prosa schreiben kann: Robert Walser."

2. Februar: Max Brod und Elsa Taussig heiraten im Hotel Bristol in Prag. Kafka schenkt dem Paar das 20-bändige "Meyers Konversationslexikon". Am Nachmittag geht das frischvermählte Paar auf Hochzeitsreise an die Côte d’Azur.

15. Februar: Umbenennung des Rowohlt-Verlags in "Kurt Wolff Verlag".

23. März: Nach großen Zweifeln und Zögern im Vorfeld fährt Kafka am Oster-Samstag nach Berlin und trifft Felice Bauer am darauffolgenden Tag zu einem Spaziergang im Grunewald. Es war das erste Wiedersehen seit Ihrem Kennenlernen bei Familie Brod im letzten Jahr. Zwei Tage darauf macht Kafka auf dem Weg zurück noch Zwischenstation in Leipzig und trifft sich mit seinem Verleger Kurt Wolff.

31. März: In "Deutsche Montags-Zeitung" erscheinen folgende Prosastücke Kafkas: "Die Vorüberlaufenden", "Zum Nachdenken für Herrenreiter" und "Das Unglück der Junggesellen".

3. April: Stellt sich in der Gärnterei Dvorský vor, wo er in den folgenden Monaten gelegentlich nebenher arbeitet um sich, wie er in einem Brief an Felice Bauer kurz darauf schreibt, "für ein paar Stunden von der Selbstqälerei zu befreien".

8. April: Kurt Wolff bietet die Veröffentlichung von "Der Heizer" für ein Honorar von 100 Kr. an. Es soll in der Reihe "Der jüngste Tag" erscheinen.

10. Mai: Reist an Pfingsten nach Berlin um bei der Verlobung von Felices Bruder Ferri dabei zu sein. Unternimmt am 12. Mai noch einen Ausflug mit Felice nach Nikolasee, einem Ortsteil des Bezirks Steglitz-Zehlendorf. Am Abend fährt er wieder nach Prag zurück.

Ende Mai: "Der Heizer" erscheint als Band 3 der Reihe "Der jüngste Tag" im "Kurt Wolff Verlag" und auch "Das Urteil" in "Arkadia. Ein Jahrbuch für Dichtkunst", das von Max Brod herausgegeben und auch im "Kurt Wolff Verlag" verlegt wird.

8.-16. Juni: Hält in einem langen, voller Zweifel formulierten Brief, den er Tage lang unterbricht, um die Hand von Felice Bauer an.

19. Juni: Felice Bauer nimmt den Heinratsantrag an.

28. Juni: Lernt den Autor und Arzt Ernst Weiß kennen, mit dem er sich auch anfreundet.

3. Juli: Kafka erzählt seiner Mutter von der Verlobung, die darauf Erkundigungen über die Familie Bauer einholen will. Kafka nimmt das erst hin, ist dann aber dagegen, was die Mutter aber nicht anficht, die ein Informationsbüro beauftragt, das - laut Kafka - ein "ebenso grausliches wie urkomisches Elaborat" erstellt.

27. August: Felices Vater, Carl Bauer, gibt Kafka seine Zustimmung zur Heirat.

6. September - 12. Oktober: Kafka fährt für die AUVA (= Arbeiter-Unfall-Versicherungsanstalt, Kafkas Arbeitgeber) nach Wien um am "II. Internationalen Kongress für Rettungswesen und Unfallverhütung" teilzunehmen. Besucht nebenbei auch privatim den gleichzeitig stattfindenden "XI. Zionisten-Kongress". Ab dem 14. September fährt er weiter nach Italien. Besucht erst Venedig und fährt dann weiter nach Riva an den Gardasee in das "Sanatorium und Wasserheilanstalt Dr. von Hartungen". Auf dem Rückweg nach Prag legt er noch einen eintägigen Zwischenaufenthalt in München ein.

Ende Oktober: Aufgrund der immer stärker werdenden Zweifel an der Beziehung, bittet Felice Bauer ihre Freundin Grete Bloch um Vermittlung bei Kafka. Ende Oktober treffen sich Grete Bloch und Franz Kafka zwei Mal in Prag. Danach entsteht ein intensiver Briefwechsel mit ihr, der nicht nur Felice Bauer zum Thema hat.

November: Umzug der Familie in eine geräumige 6-Zimmer-Wohnung am Altstädter Ring, 

8. und 9. November: Fährt nach Berlin und trifft sich zur Aussprache mit Felice Bauer.

24. November: Beklagt sich im Tagebuch über die größer werdende Fremde zu Brod.

11. Dezember: Liest aus Anlaß einer Wohltätigkeitsverstaltung im Festsaal des Jüdischen Rathauses aus Kleists "Michael Kohlhaas".

18. Dezember: Auf Wunsch Kafkas sucht Ernst Weiß Felice Bauer im Büro auf. Sie verspricht ihm schriftlich Kafka zu schreiben.

19. Dezember: Geburt der ersten Tochter von Valli und Josef Pollak. Sie erhält den Namen Marianne. Siehe auch:
Kafkas Nichte: Gedenkblatt für Marianne Steiner