Das Haus Minuta

Das "Pawlatschen"-Erlebnis

Als Nächstes zog die Familie in das Haus Minuta, das zu Anfang des 17. Jahrhunderts errichtet wurde und heute noch den Großen von dem Kleinen Altstädter Ring trennt. Die Außenfassade des Gebäudes besitzt beeindruckende Sgraffitos, die biblische und antike Mythen zeigen. Obwohl bereits vor 1615 angebracht, waren sie zu der Zeit, als die Familie Kafka hier wohnte, noch übertüncht.

Die Familie lebte hier vom Juni 1889 bis September 1892. Die Wohnung war größer als die bisherigen, eher provisorischen Unterkünfte und die Zimmer befanden sich im ersten Stock des Hauses. In dieser Zeit kamen zwei Schwestern Kafkas auf die Welt: Elli (1889) und Valli (1890). Durch den Haupteingang des Gebäudes kommt man in einen Innenhof mit den typischen Prager Pawlatschen, einer Art umlaufenden Balkon, über den man in die Wohnungen gelangt. Obwohl Kafka das Ereignis nie konkret zeitlich eingeordnet hat, kann es hier zu der bekannten Erziehungsmaßnahme gekommen sein, die er im „Brief an den Vater“ eindrucksvoll geschildert hat:

"Direkt erinnere ich mich nur an einen Vorfall aus den ersten Jahren. Du erinnerst Dich vielleicht auch daran. Ich winselte einmal in der Nacht immerfort um Wasser, gewiss nicht aus Durst, sondern wahrscheinlich teils um zu ärgern, teils um mich zu unterhalten. Nachdem einige starke Drohungen nicht geholfen hatten, nahmst Du mich aus dem Bett, trugst mich auf die Pawlatsche und ließest mich dort allein vor der geschlossenen Tür ein Weilchen im Hemd stehn. Ich will nicht sagen, dass das unrichtig war, vielleicht war damals die Nachtruhe auf andere Weise wirklich nicht zu verschaffen, ich will aber damit Deine Erziehungsmittel und ihre Wirkung auf mich charakterisieren. Ich war damals nachher wohl schon folgsam, aber ich hatte einen inneren Schaden davon. Das für mich Selbstverständliche des sinnlosen Ums-Wasser-Bittens und das außerordentlich Schreckliche des Hinausgetragenwerdens konnte ich meiner Natur nach niemals in richtige Verbindung bringen. Noch nach Jahren litt ich unter der quälenden Vorstellung, dass der riesige Mann, mein Vater, die letzte Instanz, fast ohne Grund kommen und mich in der Nacht aus dem Bett auf die Pawlatsche tragen konnte und dass ich ein solches Nichts für ihn war."

(aus: Franz Kafka: "Brief an den Vater")

Doch gab es auch harmlosere Episoden, wie das Geschenk eines "Sechserls", das für den kleinen Franz zu einem Problem wurde:

"Ich hatte einmal als ganz kleiner Junge ein Sechserl bekommen und hatte große Lust es einer alten Bettlerin zu geben, die zwischen dem großen und dem kleinen Ring saß. Nun schien mir aber die Summe ungeheuer, eine Summe die wahrscheinlich noch niemals einem Bettler gegeben worden ist, ich schämte mich deshalb vor der Bettlerin etwas so Ungeheuerliches zu tun. Geben aber musste ich es ihr doch, ich wechselte deshalb das Sechserl, gab der Bettlerin einen Kreuzer, umlief den ganzen Komplex des Rathauses und des Laubengangs am kleinen Ring, kam als ein ganz neuer Wohltäter links heraus, gab der Bettlerin wieder einen Kreuzer, fing wieder zu laufen an und machte das glücklich zehnmal ( oder auch etwas weniger, denn, ich glaube die Bettlerin verlor dann später die Geduld und verschwand mir ). Jedenfalls war ich zum Schluss, auch moralisch, so erschöpft, dass ich gleich nach Hause lief und so lange weinte, bis mir die Mutter das Sechserl wieder ersetzte."
(aus: Briefe an Milena)

Im September 1889 wurde Franz eingeschult und besuchte bis zum Sommer 1893 die nahe gelegene Deutsche Knabenschule am Fleischmarkt (siehe auch: Die Volksschule).


Adresse:

Adresse: Staroměstské nám. 3/2, 110 00 Praha 1-Staré Město

Wegbeschreibung:
Man geht am Altstädter Ring am Uhrturm des Rathauses vorbei und in etwa 100 Meter Entfernung davon befindet sich das Haus, das aufgrund der schönen Sgraffitos kaum zu übersehen ist.

Kartenansicht: